Von Marktplätzen und der Frage aller Fragen

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agora42Ich habe in den letzten sechs, sieben, acht Monaten sehr viele interessante Menschen, sehr viele interessante Projekte kennenlernen dürfen. Agora42 und Wolfram Bernhardt gehören zweifelsohne dazu – schließlich hat er, ehemaliger Kandidat zur Wahl des Stuttgarter Oberbürgermeisters im vergangenen Jahr, gemeinsam mit dem ebenfalls ehemaligen OB-Kandidaten Dr. Ralph Schertlen und dem Stuttgarter Musiker und Online-Aktivisten Thorsten „Putte“ Puttenat die Idee zur Gründung der Stadtisten gehabt. Einer Idee, der ich mich mit großer Freude und viel Engagement verschrieben habe.

Deshalb war es für mich auch gar keine Frage, dass ich mich in meinem Blog mit agora42 beschäftigen werde, als Wolfram dieser Tage auf mich zu kam und mich bat, ein wenig Werbung für diese wertvolle Zeitschrift zu machen. Wie so vielen guten Projekten mangelt es agora42 nicht so sehr an klugen Köpfen, die sich für ihre Sache verkämpfen und sich oft genug damit an den Rand ihrer Kräfte und darüber hinaus bringen, sondern es mangelt eher an der gesellschaftlichen Akzeptanz – in diesem Fall an der notwendigen Zahl von Lesern, die das Überleben dieses wertvollen Stücks gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu gewährleisten.

Ich kann nur jedem Leser meines Blogs empfehlen, einen Blick auf die Homepage von agora42 zu werfen oder am besten gleich ans nächste Kiosk oder die nächste Bahnhofsbuchhandlung zu gehen und dort die aktuelle Ausgabe der agora42 zu kaufen – es lohnt sich!

Aber was ist agora42 überhaupt?

„Möglichkeiten, die vorhanden sind, aber nicht als solche wahrgenommen werden, zu thematisieren und damit ins Blickfeld zu rücken, dafür bietet die agora42 eine Plattform. Wir wollen neue Perspektiven eröffnen und stehen insofern für pure Praxis – denn mit Hegel gilt: „Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.“

Soweit Wolfram Bernhardt, einer der beiden Macher dieses eindrucksvollen Magazins.

Warum „agora42„? Der Titel der Zeitschrift setzt sich zusammen aus dem griechischen Wort „agora“ und der Zahl 42.

Wikipedia schreibt zur Definition des Begriffes:

„Die Agora (altgriechisch ἀγορά) war im antiken Griechenland der zentrale Fest-, Versammlungs- und Marktplatz einer Stadt. Sie war aber zugleich auch eine bedeutende gesellschaftliche Institution und als solche ein kennzeichnendes Merkmal der griechischen polis. Als wichtiger Kultplatz war sie der Veranstaltungsort vieler für die Ausbildung einer gemeinsamen Identität entscheidender religiöser Feste mit gymnischen und musischen Agonen. Als Ort der Volks- und Gerichtsversammlungen kam ihr eine herausragende Rolle für das geordnete Zusammenleben in einer Gemeinschaft zu. Bei Homer gilt das Fehlen einer Agora als ein Anzeichen für Recht- und Gesetzlosigkeit. Laut Herodot war die Agora für den Perserkönig Kyros II. das bestimmende Merkmal einer selbstständigen griechischen Stadt „

Agora im Zusammenhang mit der Zeitschrift meint also, dass hier der Ort ist, unterschiedliche Standpunkte und Ansichten nach den Regeln der demokratischen Diskussionskultur auszutauschen.

Die Zahl „42“ dürfte allen Freunden des Schriftstellers Douglas Adams ein Begriff sein, ist doch in seinem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ „42“ die nach einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren vom „größten Computer der Welt“, „Deep Thought“ ausgeworfene Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“, die ihm von einer „weit fortgeschrittenen außerirdischen Kultur“ gestellt wurde. „Deep Thought“ empfiehlt, einen noch größeren Computer zu bauen, um die „nicht präzise gestellte Frage“ besser beantwortet zu bekommen.

„Dieser Computer wird gebaut und das Programm zur Suche der Frage auf die Antwort wird gestartet. Es stellt sich heraus, dass dieser noch größere Computer der Planet Erde ist.“

heißt es in „Per Anhalter durch die Galaxis“.

Die aktuelle Ausgabe 01/2014, deren Veröffentlichung am vergangenen Freitag in der LON-Galerie des Stuttgarter Fotografen und Galeristen Duncan Smith gefeiert wurde, widmet sich dem Thema „Veränderung“. Zu den Autoren gehört – zu meiner großen Überraschung – neben einer Reihe anderer kluger Köpfe – auch der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, einem „großen Sohn“ unserer Stadt Stuttgart. Veröffentlicht wird eine Zusammenfassung des Textes „Daß die Magistrate von den Bürgern gewählt werden müßen (Über die neuesten inneren Verhältnisse Württembergs, besonders über die Gebrechen der Magistratsverfassung)“ mit dem Untertitel „An das württembergische Volk“.

Hegel schreibt dort:

„Die Menschen sind über den derzeitigen Zustand der Gesellschaft besorgt. Das Staatsgebäude ist unhaltbar geworden. Der Wunsch nach einem freieren und gerechteren Leben ist groß. Wenn eine Veränderung geschehen soll, so muss aber auch tatsächlich etwas verändert werden. Es ist also an der Zeit, sich von den alten Verhältnissen zu verabschieden und sich mutig und selbstlos für eine gerechtere Welt einzusetzen. „

Und genau darum geht es in dieser Ausgabe von agora42: Alle Beiträge widmen sich der Theorie und Praxis gesellschaftspolitischer Alternativen, es geht um „Anfang und Ende des modernen Kapitalismus“, über den Konflikt von „Glaube vs. Markt“, einem Text, der sich mit der Betrachtung der Frage beschäftigt, „wo in der Kirche Widerstand wächst“, es wird geschrieben „von der kleinen Vielfalt zur großen Einfalt“ der Medien, ein Beitrag widmet sich dem „King of Change“ Mohandas Karamchand „Mahatma“ Gandhi, im Gespräch mit dem Soziologen und Buchautor Peter Spiegel diskutieren die Herausgeber von agora42, Wolfram Bernhardt und Frank Augustin über „Die kreative Zerstörung des Mesnchenbildes“ und in einem weiteren Artikel wird der Frage nachgegangen, „Warum (…) es keine Weltzentralbank (gibt)?“. Wolfram Bernhardt schreibt über „James Bond und das Ende der Geschichte“ und unter der Überschrift „Land in Sicht“ werden Initiativen vorgestellt, die sich genau damit beschäftigen, womit sich das ganze Heft beschäftigt: Veränderung: „Sie haben das Ruder in die Hand genommen und wollen mit ihrem Unternehmen oder zivilgesellschaftlichen Projekt ökonomisches und gesellschaftliches Neuland betreten“.

Eines der vorgestellten Projekte sind DIE STAdTISTEN – einer neuen kommunalpolitischen Wählervereinigung, der ich selbst als Mitautor des „Stadtistischen Manifests“ und als Stellvertretender Vorsitzender der Wählervereinigung, die im September diesen Jahres gegründet wurde, angehöre.

Der Satz des Mathematikers und Physikers Georg Christoph Lichtenberg „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“ ist der Leitsatz, unter den wir unser Stadtistisches Manifest gestellt haben. Wir wissen nicht, ob es besser wird, aber wir wissen, dass es anders werden muss, um gut zu werden.

Agora42 schreibt zu uns Stadtisten:

„Können Politiker heute noch etwas verändern? Spätestens seitdem der US-amerikanische Präsident Barack Obama unter dem Motto „Change“ angetreten ist und die groß angekündigten Veränderungen bislang ausblieben, haben weltweit viele Menschen den Glauben daran verloren. In Deutschland lebte die Hoffnung, einem Change beiwohnen zu dürfen, im Jahr 2011 wieder auf, als bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg die 58-jährige Regierungszeit der CDU durch Grün-Rot beendet wurde. Doch auch hier hat man nicht das Gefühl, dass sich die grundsätzliche Ausrichtung der Politik geändert hat. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob gesellschaftliche Veränderungen überhaupt noch von der Politik ausgehen können. Wozu also noch Politik, wenn man sie als „Fähigkeit zur alternativen Gestaltung gesellschaftlicher Zukünfte“(Elmar Altvater) sieht?

„Politik, wie wir sie verstehen, bedeutet: gemeinsam Lösungen finden für die Fragen und Probleme, die die Stadt und das Gemeinwesen betreffen“. So lautet der erste Satz des Stadtistischen Manifests, einer Wählervereinigung, die 2014 bei den Gemeinderatswahlen antreten wird. Weiter heißt es: „Viele Menschen setzen sich für Stuttgart auf unterschiedliche Weise ein, begreifen ihr Engagement aber nicht als politisches Handeln. Sie überlassen das Feld den ‚Berufspolitikern‘, von denen sie sich nicht vertreten fühlen. Die Verdrossenheit gegenüber einer Politik, die sich an parteipolitischen Grundsätzen orientiert, nimmt zu. Diesem Unbehagen möchten wir eine konkrete Alternative entgegensetzen“.

Der Gedanke, der dabei mitschwingt, verbindet die Stadtisten mit dem oben genannten Präsidenten, der im Rahmen seines ersten Präsidentschaftswahlkampfs mit folgendem Satz in eine ähnliche Richtung zielte: „Change will not come, if we wait for some other person or some other time. We are the ones we’ve been waiting for. We ar the change that we seek“. Allerdings scheint auch Obamas Change auf eine andere Zeit zu warten. Aber vielleicht haben die Stadtisten Obama gegenüber einen entscheidenden Vorteil, denn: „Wir Stadtisten konzentrieren unsere Kraft auf die Stadt und das, was kommunal machbar ist“.

Vielleicht beginnt der nächste große Wurf ja im Kleinen. Und wer weiß, was passiert, wenn sich wieder viel mehr Menschen als das begreifen, was sie ja als Bürger einer Stadt (und/oder eines Staates) ohnehin immer sind: politisch. Vielleicht sind es am Ende gerade diese Politiker, die heute noch etwas verändern können.“

Es freut mich sehr, dass die Stadtisten in der agora42 das mediale Licht der Welt erblicken durften und diese Zeitschrift uns die Möglichkeit gegeben hat, zum ersten Mal einem über facebook hinausgehenden Publikum bekannt zu werden.

Als kleine Leseprobe möchte ich hier gerne das Interview, das mein lieber Freund und Mit-Stadtist Putte der agora42 gegeben hat, veröffentlichen. Das Gespräch wurde geführt mit Frank Augustin und Wolfram Bernhardt:

agora42_201303_Homo Automobilis

Ich wünsche agora42 und seinen Machern noch viele weitere Ausgaben dieses tollen Magazins!

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