Die Wahrheit kommt ans Licht – da hilft auch kein Drohen!

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Manchmal ist die Realität so grausam, dass man es sich kaum vorstellen kann. Man erfährt Dinge, die sich quasi „vor der Haustür“ abspielen und die man nicht für möglich halten würde. Es ist noch nicht lange her, da mussten wir tief durchatmen, als wir davon erfuhren, was Kindern widerfahren ist, die Pädagogen und Betreuuern anvertraut wurden in Häusern, von denen man sich – möglicherweise naiv – besonders viel Liebe und Fürsorge erhofft und auch erwartet hätte. Kinderheime in kirchlicher Trägerschaft. Aber ebenso auch nichtkirchliche Häuser, Internatsschulen, Sportvereine.

Und jetzt dieser Fall: ein junges Mädchen, gerade einmal 16 Jahre jung, nimmt sich das Leben. Stürzt sich aus dem Fenster, weil sie die Demütigungen und Peinigungen nicht mehr erträgt, die ihr von den Menschen zugefügt wurden, denen sie in bester Absicht, nämlich in der Absicht, sie vor sich selbst zu beschützen und ihrem bis dahin schlimmen Leben eine Wende zum besseren zu geben, anvertraut wurde. Und die Behörden schauen weg. Nein, sie schauen nicht einmal weg, sie schauen zu und sie finden daran nichts. Sie sehen keinen Grund, irgendetwas am System zu verändern.

Das Mädchen, das im Jahre 2008 nach einem dreijährigen Martyrium starb, so berichtet die Tageszeitung „taz“, hat in einem Heim eines privaten Trägers gelebt. In einem Heim der Haasenburg GmbH in Brandenburg. Lena, so heißt das Mädchen, wurde dem Bericht der taz zufolge gegen ihren Willen fixiert, sie musste mit Knie- und Ellenbogenschützern herumlaufen und einen Helm tragen. Auch nachts. Angeblich, um sie vor Schäden zu bewahren.

Die „taz“ schreibt:

Für Lena muss die Zeit in der Haasenburg GmbH die Hölle gewesen sein. So wie für jedes Kind galt auch für sie eine Liste mit Geboten und Verboten. Auf ihrer „Was darf ich?“-Liste ist mit Datum vom 18. 6. 2007 notiert: „tagsüber Helm, Knie- und Armschoner tragen“.

Unter Lenas „Was darf ich nicht?“-Liste steht: „nachts ohne Helm schlafen“; ebenso: „eigenmächtig und selbständig handeln“; oder: „mit anderen Jugendlichen Kontakt aufnehmen, wenn kein Erzieher dabei ist“ und: „selbständig Helm, Knie- sowie Armschoner abnehmen, ohne vorher Erzieher zu fragen“. Endgültig los wurde das Mädchen die stigmatisierenden Schützer mit dem Tod.

Man nennt so etwas in den Häusern der Haasenburg GmbH „Anti-Aggressionstraining“ und das zuständige Jugendamt hat das Fixieren und die anderen Zwangsmaßnahmen nicht nur stillschweigend gebilligt, sondern ihnen ausdrücklich zugestimmt. Erst im Jahre 2010, also zwei Jahre nach dem Tod von Lena wurde das Fixieren verboten.

Verblüffenderweise hält das Landesjugendamt noch heute diese drastischen Eingriffe für gerechtfertigt. So antwortet das Jugendministerium am 14. Juni 2013 auf taz-Anfrage, die Schützer seien „dem Landesjugendamt bekannt und im Gesamtzusammenhang nachvollziehbar“. Diese hätten „der Vorbeugung von schweren, selbst zugefügten Verletzungen“ gedient.

Lena starb, weil sie aus einem oberen Stockwerk der Haasenburg GmbH in Jessern aus dem Fenster stürzte. Wenn sie mit Helm-, Knie- und Armschonern vor sich selbst geschützt werden musste: was hatte das Mädchen dann an einem offenen Fenster, in dieser Montur und in dieser Höhe zu suchen?

Gegen Kritik an diesem Vorgehen geht die Haasenburg GmbH mit aller Härte vor. Eine Online-Petition, die die sofortige Schließung der Haasenburg-Häuser und den Entzug der Betriebserlaubnis gefordert hat, wurde vom Netz genommen, nachdem die für die Haasenburg GmbH tätigen Juristen sowohl dem Betreiber der Online-Petitions-Plattform als auch der Petentin massiv mit juristischen Mitteln gedroht haben, sollte die Petition nicht verschwinden. Die taz berichtet in einem weiteren Artikel von dieser Druckausübung.

Die öffentlich in die Kritik geratene Haasenburg GmbH geht juristisch gegen eine Petentin vor, die sich im Internet für die sofortige Schließung von Kinderheimen des umstrittenen Unternehmens einsetzt. Das erfuhr die taz am Mittwoch vom Sprecher der Onlineplattform OpenPetition.de, Fritz Schadow.

Demnach habe das Petitionsportal eine Frist bis 18 Uhr* gesetzt bekommen, innerhalb derer der Petitionstext abgemildert oder von der Seite verschwinden müsse. Die Petentin, Meike Büttner, lasse derzeit anwaltlich prüfen, ob sie diesem Anliegen nachkommt.

Nach taz-Berichten über brutale Erziehungsmethoden in Kinderheimen der Haasenburg GmbH unterzeichneten bis zum Mittwochmittag rund 3.900 Menschen die Petition, mit der „die sofortige Beendigung aller Kooperationen mit der Haasenburg und die Schließung der Heime“ gefordert wird. Erziehung dürfe nicht in die Hände privater Unternehmen gegeben werden, heißt es im Petitionstext.

Als Reaktion auf die Petition zur Schließung der Haasenburg-Häuser wurde jetzt eine neue Petition ins Netz gestellt, ebenfalls bei der Plattform openpetition.de. Sie fordert die Wiederaufnahme der ersten Petition: Die Petentin der zweiten, neuen Petition schreibt in der Begründung zu ihrer Petition:

Aktuell wurde die Petition von Frau Büttner mit folgender Begründung „gesperrt“:
„Die Petiton wurde wegen Nichtbeachtung der Nutzungsbedingungen gesperrt.

Petitionen die gegen die Nutzungsbedingungen von openPetition verstoßen werden beendet und gelöscht.(…)“

Auch wenn die Petition wohl im Einvernehmen mit der Petentin aus juristischen Gründen zurück gezogen wurde, wie die taz berichtete, bin ich der Auffassung, dass hier Druck auf Frau Büttner und auf die Betreiber von Open Petition ausgeübt wurde, um weitere negative Pu­b­li­ci­ty von der Betreiberfirma abzuwenden.

In welcher Hinsicht die Vorgehensweise der Anwälte der Haasenburg GmbH gerechtfertigt ist, möge juristisch geklärt werden.

Mit dieser Petition soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Unterzeichner hinter Frau Büttner und ihrem Anliegen stehen.

Ich habe mich entschlossen, sowohl die erste Petition zu zeichnen als auch die zweite, die die Wiederaufnahme der ersten Petition fordert. Es kann nicht sein, dass ein zu Recht in die Schlagzeilen geratenes Unternehmen versucht, schlechte Publicity dadurch zu verhindern, dass sie massiv das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken droht. Ich drücke den beiden Petentinnen die Daumen und wünsche ihnen für den Erfolg ihrer Petitionen nur das allerbeste!

Hier kann die zweite Petition unterzeichnet werden.

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