Erinnerungen – Gedanken – Ohnmacht.

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Ein mit mir auf facebook befreundeter Aktivist aus der Bewegung gegen Stuttgart 21  hat anlässlich des Besuches der grünen Landtagsabgeordneten und Vizepräsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, Brigitte Lösch, zum Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und zum Christopher Street Day 2013 nach Warschau auf seiner „Pinwand“ in facebook ein Fotoalbum gepostet mit Aufnahmen von seiner Klassenfahrt nach Auschwitz 1986.

Er überschreibt dieses Album mit den Worten „Man muss es gesehen haben, um es zu verstehen. Es fällt einem schwer“.

Ich habe daraufhin eine „Statusmeldung“ an meiner eigenen facebook-Pinwand geteilt, die ich hier veröffentlichen möchte. Da ich die Angewohnheit habe, in sozialen Netzwerken immer alles nur in Kleinbuchstaben zu schreiben, belasse ich es hier ebenfalls dabei.

ja. es fällt einem schwer. es fällt einem schwer, wenn man all das gesehen hat, zu verstehen. zu verstehen, wie es sein konnte, dass ein ganzes volk – von wenigen ausnahmen abgesehen – dem „führer“ gefolgt ist – bis in den tod. es fällt einem schwer, zu verstehen, wie ein ganzes volk die augen schloss und bestenfalls so tat, als bekäme es von all dem nichts mit. als bekäme es nichts davon mit, dass in der schule plötzlich plätze leer bleiben, an denen am tag zuvor noch mitschüler saßen. dass läden, arztpraxen, kanzleien, kaufhäuser plötzlich verrammelt waren und mit schmierereien versehen waren: „deutsche! wehrt euch! kauft nicht beim juden!“.

es fällt einem schwer, zu glauben, dass sie alle nichts davon mitbekommen haben wollen, dass die nachbarn plötzlich mitten in der nacht von der polizei und der gestapo abgeholt werden und nicht wiederkehren. dass sie alle nichts mitbekommen haben davon, dass die, die sie noch nicht „geholt“ haben, plötzlich gelbe sterne am kragen trugen, auf denen „jude“ stand. dass sie nichts davon mitbekommen haben, dass plötzlich alle jüdischen männer den namen israel tragen mussten und alle frauen den namen sara. es fällt einem schwer, zu glauben, dass derjenige, der diese „namensänderungsverordnung“ in seiner eigenschaft als ministerialrat im reichsinnenministerium ebenso verfasst hat wie teile der nationalsozialistischen „rassegesetze“, dass dieser hans globke später als ministerialdirigent und dann als chef des bundeskanzleramts noch einmal so richtig karriere machte im „neuen“, im „entnazifizierten“ deutschland.

es fällt einem angesichts solcher bilder, angesichts solcher stumm schreiender zeugen der vergangenheit schwer zu ertragen, dass globke nicht der einzige war, der seine karriere der aktiven mitarbeit in einem regime zu verdanken hat, das für den tod von mehr als 10 millionen menschen verantwortlich war, deren einziger „fehler“ es war, nicht den vorstellungen der nationalsozialisten von „wertem leben“ zu entsprechen und der nach der „schrecklichen zeit“ schon nach einer kurzen „schonfrist“ wieder ganz vorn an den fleischtöpfen der frühen bundesrepublik standen.

10 millionen menschen. 10 millionen schicksale, 10 millionen juden, sinti, roma, ausländische zwangsarbeiter, kommunisten, sozialisten, christen, zeugen jehova, menschen mit körperlicher oder geistiger behinderung…

es fällt einem schwer, angesichts solcher bilder zu verstehen, wie ein kurt georg kiesinger, der den judenhass der nazis als „nicht so schwerwiegend“ betrachtete und sich nicht weiter daran störte, später dann karriere machte und der dritte deutsche bundeskanzler nach adenauer und erhard wurde.

es fällt einem schwer, zu verstehen, wie ein hans filbinger ministerpräsident von baden-württemberg werden konnte, der bereits 1933 dem ns-studentenbund beitrat, dann der nsdap und schließlich als marinehilfsrichter mindestens ein todesurteil und eine hinrichtung zu verantworten hatte. es fällt einem schwer, zu ertragen, dass der damalige ministerpräsident oettinger diesen filbinger, diesen unerträglichen opportunisten, der das ns-regime zum aufstieg nutzte und ihm willfährig diente, posthum zum regimegegner zu klittern versuchte.

es fällt einem schwer zu ertragen, dass angesichts des grauens von auschwitz, bergen-belsen, treblinka, majdanek, buchenwald, dachau, mauthausen… es möglich war, dass sich seit ende des krieges alte und neue nazis in der mitte der gesellschaft breit gemacht haben, dass es „national-befreite zonen“ gibt, dass nazis ungestraft fackelmärsche abhalten dürfen und dass menschen, die sich dagegen wehren und diesem treiben friedlich und mit zivilem ungehorsam ein ende zu bereiten versuchen, als kriminelle, als landfriedensbrecher, als nötiger zu verantworten haben und kriminalisiert werden. es fällt einem schwer, zu ertragen, dass es in der bundesrepublik seit 1990 mehr als 180 mordopfer gab, die von menschen ermordet wurden, deren erklärtes ziel es ist, diesen staat abzuschaffen und durch einen nationalsozialistischen terrorstaat zu ersetzen, und dass das alles unter den augen und oft genug mit stillschweigender billigung der strafverfolgungsbehörden und der geheimdienste geschehen konnte.

es fällt einem schwer, das alles zu verstehen und zu ertragen und doch nötigt es mir ungeheueren respekt ab, wenn mir menschen, die die grauen des nationalsozialismus nicht nur erlebt, sondern die todesmaschinerie der nazis überlebt haben, sagen, dass die generationen, die nach 1945 geboren wurden, frei von schuld sind und die lediglich den wunsch haben, dass diese nachgeborenen generationen niemals nachlassen darin, die erinnerung wachzuhalten, gerade heute, da nur noch wenige überlebende von ihren erlebnissen berichten können. es fällt einem schwer, zu ertragen, dass die rufe, das doch alles zu vergessen und „endlich einmal ruhen zu lassen“, weil „das alles doch so lange her“ sei und man „doch längst für die verbrechen der früheren generation bezahlt“ habe und „es auch mal gut sein“ müsse.

es ist lange her. aber es darf nicht in ruhe gelassen werden. es darf nicht vergessen werden. es ist nicht gut. gestern nicht, heute nicht und morgen nicht.

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