„Monika lag zwei Wochen tot im Heim“

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„Monika lag zwei Wochen tot im Heim: einfach vergessen!“* So lautet die gestrige Schlagzeile in der Zeitung mit den vier großen Buchstaben, deren Name ich jetzt nicht nenne, weil sie sowieso jeder kennt und ich deshalb nicht bereit bin, dafür auch noch Werbung zu machen. Ich bin darauf über ein Posting in Facebook aufmerksam geworden und habe mich etwas intensiver mit der Headline und mit dem dazu gehörigen Artikel beschäftigt.

Der Titel klingt – ja, so grausam das klingt – „verführerisch“. Jeder Leser will sofort wissen, was da los war. Wie das sein kann. Wittert einen neuen, grausamen Pflegeskandal.Wenn man sich dann den dazugehörigen Artikel einmal durchliest, wird schnell klar: Weder lag Monika tot im Heim, noch wurde sie vergessen. Da vermutlich auch der Name „von der Redaktion geändert“ wurde, was ja in der Regel gemacht wird, können wir also getrost davon ausgehen, dass zumindest in der Headline zu dem dazu gehörigen Artikel nichts, aber auch wirklich gar nichts stimmt.

Aber was war tatsächlich passiert? Das erschließt sich, wenn man sich die Mühe macht, den aus dem Mund quellenden Schaum noch ein wenig im Zaum zu halten und erst einmal weiterzulesen.

Dann kann man nämlich lesen, dass Monika mitnichten „im Heim“ gelebt hat, wie die Headline suggerieren will, sondern in einem an ein Pflegeheim angeschlossenes sogenanntes „Betreutes Wohnen“. Was die wenigsten wissen: hinter dem Begriff „Betreutes Wohnen“ steckt keinerlei Qualitätsbegriff, es handelt sich lediglich um die Bezeichnung für eine Wohnform. „Betreutes Wohnen“ unterliegt nicht, weder bundesweit noch in den Bundesländern, der Heimgesetzgebung und somit auch nicht der Heimaufsicht. Und: in jedem Bundesland ist anders definiert, was überhaupt unter dem Begriff „Betreutes Wohnen“ zu verstehen ist. Einig ist man sich einzig und allein darin, dass das „Betreute Wohnen“ eine Wohnform ist, dass es seitens des Trägers der Einrichtung zielgruppengerecht angepasste Pflege- und/oder Betreuungsangebote gibt, die die Bewohner individuell buchen können, die also jeweils einzeln abgerechnet und bezahlt werden. Wie dies in der Praxis ausgestaltet ist, ist so unterschiedlich wie die Beschaffenheit der Wohnungen selbst, denn auch die müssen keinerlei Vorgaben entsprechen. Eine Regelung gibt hier einzig die DIN-Norm 77800, in der geregelt ist, dass der Betreiber der Anlage Informationen über die Wohnanlage, die Wohnung, die Grund- und Wahlleistungen sowie die Kosten und die Finanzierung der Wohnung transparent machen muss. Einzig die Einhaltung der DIN-Norm 18025, die vorschreibt, wie der Begriff der „Barrierefreiheit“ definiert ist und welche Anforderungen ein Bauwerk erfüllen muss, um als barrierefrei bezeichnet zu werden, ist bindend in der Norm 77800 geregelt.

Im konkreten Fall war es wohl so, dass „Monika“ in eine solche Wohnung einzog und keinerlei pflegerische oder sozialbetreuerische Leistungen beansprucht hat, ja, dass sie dies sogar explizit bei Einzug abgelehnt hat. Einzig der Bringdienst fürs Mittagessen war vertraglich vereinbart. Ansonsten war diese Frau, ganz so wie Millionen andere ältere Menschen, vollkommen auf sich selbst gestellt, was ja auch in Ordnung ist, da ja jeder Mensch das Recht hat, selbstbestimmt zu entscheiden, welche und wieviel Hilfe er für die Bewältigung seines Alltags benötigt. Es heißt weiter: „Sie war schwierig“ – im Kontext heißt das nichts anderes als: „Frau E. gewährte Besuchern nur sporadisch Einlass“. Was ja nichts außergewöhnliches ist – ich wollte auch nicht, dass sich Hinz und Kunz bei mir die Klinke in die Hand geben.

Aber lesen wir weiter: „‚Je nach Wunsch wird das Essen in die Wohnung geliefert oder davor abgestellt (…) Bei Frau E. war es nicht unüblich, dass das gelieferte Essen nicht angenommen wurde.“‘ – auch hier: ganz anders, als in der Schlagzeile suggeriert. Es ist absolut üblich, dass Mahlzeitenlieferdienste, die ältere Menschen zuhause mit dem Mittagessen beliefern, dies vor der Tür abstellen. Natürlich kann auch vereinbart werden, dass das Essen in die Wohnung gebracht wird, auch, dass es serviert wird, kann vereinbart werden, das kostet dann aber zusätzlich Geld, und wer selbst in der Lage ist, sich das Essen warm zu machen wird das auch tun und kein Geld dafür ausgeben, dass einem ein fremder Mensch den Deckel vom Warmhaltebehälter abzieht. Deshalb trifft auch den Fahrer vom Mahlzeitenservice hier überhaupt keine Schuld. Klar, er hätte sich fragen können, weshalb über einen längeren Zeitraum das Essen nicht angerührt wurde, er hätte diese Beobachtung weiter geben können, aber das würde voraussetzen, dass jeden Tag derselbe Fahrer bei Frau E. vorbeigekommen ist, um das Essen abzuliefern – und davon ist natürlich nicht auszugehen, die Fahrer werden disponiert und haben ihre Touren, heute diese, morgen jene. Und offensichtlich war es ja auch nicht unüblich, wie es im Text heißt, dass Frau E. das gelieferte Essen nicht annimmt, so dass allein diese Tatsache für sich auch nicht als Indiz gewertet werden konnte, dass etwas nicht in Ordnung war.

Weiter heißt es dann im reißerischen Text: „Die Angehörigen von Monika E. sind entsetzt. Werner M. (73), der Bruder der Toten: „Wir hatten meine kleine Schwester lange nicht erreicht. Bis die Heimleitung dann endlich mal die Tür aufschloss. Da war Monika lange tot.““ – stellt sich natürlich die Frage: wenn „wir meine kleine Schwester lange nicht erreicht“ haben, warum haben die Angehörigen dann nicht schon nach zwei, drei Tagen die Leitung des angeschlossenen Pflegeheims gebeten, nachzusehen? Oder noch besser: warum kamen sie nicht selbst? Auch hier kann man nur spekulieren. Wir wissen nicht, ob es den Angehörigen möglich war, selbst zu kommen, wir wissen nicht, ob sie weiter weg oder in der Nähe wohnen und ob sie selbst noch ausreichend gut zu Fuß sind. Wir wissen auch nichts über die Beziehungsstruktur zwischen Frau E. und ihren Angehörigen. Da sie aber anscheinend sehr isoliert gelebt hat, kann man spekulieren, dass auch das Verhältnis zur eigenen Familie nicht von großer Nähe geprägt war.

Leider kann man in diesem Fall eigentlich niemandem einen Vorwurf machen. Auch nicht der Leitung des angeschlossenen Pflegeheims. Dort hat man sich – aus meiner Sicht – auch völlig korrekt verhalten.

Das Problem von Frau E. war das Problem, das viele ältere und alte Menschen haben. Sie hat isoliert gelebt, die Kontakte zur Außenwelt waren stark reduziert. Oftmals ziehen sich Menschen im Alter, insbesondere dann, wenn der eigene Freundses- und Bekanntenkreis immer dünner wird und man auch innerfamiliär kein besonders herzliches, auf gegenseitige Unterstützung und gegenseitiges aufeinander achten angelegtes Beziehungsnetz findet, auf das man zurückgreift und das von selbst immer mal wieder nach dem rechten sieht, immer weiter in sich selbst zurück. Aus Vereinsamung wird Isolation, aus Isolation wird langsames soziales Sterben. Das ist das eigentliche Problem unserer Gesellschaft. Die Schnelllebigkeit, die totale Beschleunigung, das Fixiertsein auf berufliches Fortkommen, all das macht es alten Menschen zunehmend schwer, den Kontakt zu ihrer Umwelt zu halten. Das Leben ist zu schnell für Menschen, die körperlich und oftmals auch geistig nicht mehr so recht mitkommen. Und den Rückhalt in der Familie, den es möglicherweise früher einmal gab (wobei auch diese romantische Verklärung von der Mehrgenerationengroßfamilie soziologisch kaum haltbar ist, weil es sie so auch früher nicht regelmäßig gab), den gibt es heute nicht mehr. Die ohnehin schon kleine Familie strebt mit dem Erwachsen der nachkommenden Generationen sowohl gedanklich als auch geographisch immer weiter auseinander und somit werden auch die Löcher im sozialen Netz der Familie immer größer. Aber das ist der Zeitung mit den vier großen Buchstaben natürlich keine Schlagzeile wert.

*Quelle: Bild Deutschland, Online-Ausgabe, 28.05.2013

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