Ein garstig‘ Lied! Pfui! Ein politisch‘ Lied!

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… so heißt es in Goethes Faust. Aber stimmt das? Ist das so? Ist politisches Liedgut wirklich „garstig“? Nun, das liegt wohl letztlich immer im Auge des Betrachters. Während ich das Horst-Wessel-Lied oder den von Hass zerfressenen „Gesang“ rechtsradikaler Bands, Sänger und Liedermacher durchaus nicht nur als garstig, sondern als extrem widerwärtig und in hohem Maße kriminell empfinde, gehören Songs wie „Sei wachsam“ von Reinhard Mey, „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader, „Sie fangen wieder an“ von den Gebrüdern Engel oder die tollen Songs der niederländischen Band „bots“ schon seit Jahrzehnten zu meinem bevorzugten Liedgut.

Heute, beim Nachhausefahren von meiner Schicht im Lädle, hörte ich im Bus Musik der beiden legendären Stuttgarter Liedermacher Erich Schmeckenbecher und Thomas Friz, besser bekannt vor allem in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts unter dem Namen „Zupfgeigenhansel“.

Gerade, als der Bus vom Cannstatter Wilhelmsplatz her kommend die Altenburger Steige hinaufschnaufte, lief „Der Deserteur“, danach folgte „Die bange Nacht“ und schließlich „Victor Jara“. Alle drei Stücke handeln von Fremdbestimmung, Unterdrückung, Gewalt, Willkür, Staatsterrorismus, Hass, Vernichtung. Und von mutigen Männern, die sich ihren jeweiligen Despoten und Diktatoren entgegenstellten und todesmutig ihren Weg bis zum Ende gingen. Die drei Stücke haben mich sehr nachdenklich gemacht. Wäre ich – in einer vergleichbaren Situation – dazu bereit, mein Leben zu riskieren, um mich einem mörderischen Regime entgegenzustellen? Oder würde ich mich vielleicht doch eher wegducken, auf dass man mich nicht bemerke, auf dass ich mir eine Nische schaffe, in der ich mich verkriechen kann, bis die Zeiten wieder besser werden? Oder wäre ich vielleicht ein Mitläufer? Würde ich gar zum Feind überlaufen, mich mit dem Despoten eins machen, nur um mein eigenes, jämmerliches Leben zu retten? Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht wissen, denn ich hatte das große Glück, in eine Zeit hineingeboren zu werden, die bereits jetzt als die längste Periode kontinuierlichen Friedens (in meinem Land!) seit vielen hunderten von Jahren gilt. Ich weiß nicht, wie es ist, nur die Wahl zu haben, in einen Krieg zu ziehen, der nicht meiner ist, um dort zu sterben für eine Idee, von der ich nicht überzeugt bin oder an die Wand gestellt zu werden im Namen einer Ideologie, die meine nicht ist.

„Der Deserteur“ handelt von einem „Fahnenflüchtigen“, der von der französischen Regierung den Marschbefehl in den Algerienkrieg bekommen hat und sich dieser Einberufung durch Desertion entzieht. Der Algerienkrieg tobte von 1954 bis 1962. Über die Zahl der Opfer dieses Krieges lässt sich bis heute nur spekulieren, da sowohl die algerische Seite, also die FLN als auch die französische Seite die Zahl der Opfer sehr unterschiedlich bewerten. So spricht die FLN von 1,5 Millionen Toten Algeriern, während die französischen Behörden „nur“ von 20.000 Toten spricht. Die Wahrheit bleibt wie so oft eines der Opfer dieses Krieges.

In „Die bange Nacht“ schreibt ein unbekannter Soldat an seine Frau und rechnet wütend und desillusioniert mit der Brutalität des Hitlerregimes und des von ihm verabscheuten Krieges ab.

„Victor Jara“ wiederum zeichnet das Leben und Sterben des großen chilenischen Freiheitsdichters ab, der im September 1973 mit gerade mal 41 Jahren von den Folterknechten des faschistischen Pinochet-Regimes brutal zu Tode gequält wurde. Die Putschisten hatten am 11. September 1973 mit aktiver Mithilfe des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA die Macht im Land übernommen, weil es für die US-Regierung unerträglich schien, dass quasi vor ihrer Haustür ein sozialistischer Staat entstanden war mit einem mit breiter Mehrheit vom Volk gewählten Präsidenten.

Hier nun die Liedtexte, die ich unter www.kampflieder.de noch einmal genau nachgelesen und von dort herauskopiert und hier eingefügt habe. http://www.kampflieder.de ist eine kommunistische Plattform, die Arbeiter- und Antikriegslieder aus aller Welt sammelt und der Allgemeinheit in Wort und Ton zugängig macht. Und wenn sich nun irgendwer Gedanken macht: nein, ich bin kein Kommunist, ich definiere mich als christlicher Sozialist oder als sozialistischer Christ, aber ich habe überhaupt kein Problem damit und keinerlei Berührungsängste, Liedtexte, die mich persönlich tief anrühren, dort zu suchen und zu finden.

Der Deserteur

Ihr sogenannten Herrn, ich schreibe euch ein Schreiben,
lest oder lasst es bleiben und habt mich alle gern.
Ich kriege da, gebt acht, die Militärpapiere,
dass ich in’n Krieg marschiere und zwar vor Mittwochnacht.

Ich sag Euch ohne Trug: ich finde euch so öde,
der Krieg ist völlig Blöde, die Welt hat jetzt genug.
Ihr sogenannten Herrn, ich sage euch ganz offen,
die Wahl ist schon getroffen: ich werde desertier’n!

Seit ich auf Erden bin, sah ich viel Väter sterben,
sah Brüder viel verderben, sah weinen manch ein Kind;
sah Mütter voller Gram, sie konnten nicht vergessen;
sah and’re vollgefressen, wohlauf trotz Blut und Schlamm.
Sah der Gefang’nen Leid; um’s Leben nur belogen,
um ihre Frau’n betrogen, und ihre gute Zeit.
Früh wenn die Hähne krähn, dann schließ
ich meine Türen, will tote Jahre spüren und auf die Straße gehen.

Dann geht es drauf und dran auf Welle, Wind und Wegen
Der neuen Welt entgegen, ich rufe jedermann:
Lebt euer Leben aus, ringt Furcht und
Elend nieder, schießt nicht auf eure Brüder in dieser Erde Haus.

Ihr sogenannten Herrn, müsst ihr denn Blut vergießen,
so lasst das eure fließen, ihr predigt das so gern.
Sagt eurer Polizei, sie würde mich schon schaffen,
denn ich bin ohne Waffen, zu schießen steht ihr frei.

———

Die bange Nacht

Die bange Nacht ist nun herum,
wir fahren still, wir fahren stumm.
Wir fahren ins Verderben!
Wie weht so frisch der Morgenwind
gib her, noch einen Schluck geschwind
vorm Sterben, vorm Sterben.

Der erste Schluck – du liebes Weib!
An dich denk‘ ich mit Seel‘ und Leib
an dich und uns’re Erben!
Ihr Lieben, ach, es ist so schwer
für Görings Bauch und Hitlers Ehr‘
zu sterben, zu sterben!

Der zweite Schluck – mein deutsches Land
wie lebst du heut‘ in Schmach und Schand‘
In Elend und Verderben!
Der Reiche sauft und frißt vergnügt
doch unser armes Deutschland liegt
im Sterben, im Sterben!

Der dritte Schluck – ich sag‘ es laut:
Dreht die Kanonen um und haut
das Hitlerreich in Scherben!
Wenn wir vom Feind das Land befrei’n,
dann soll’s uns eine Ehre sein
zu sterben!

———-

Victor Jara

Victor Jara war ein Bauerssohn
Als Kind arbeitete er
auf sonnenheissen Feldern
Das Leben in Chile war schwer
Seine Hände wurden stark
Seine Hände wurden stark

Er wuchs und lernte kämpfen
Seine Augen sahen immer mehr
Sie sahen die Ungerechtigkeiten
in den Dörfern und Städten ringsumher

Das Kämpfen und das Feiern
und was das Leben macht
hat er für sein chilenisches Volk
in Töne und Verse gebracht
Diese Verse waren zärtlich
Diese Verse waren stark

Er sang für die Minenarbeiter
für die Bauern auf dem Land
Er sang vor vielen Fabriken
und jeder Arbeiter verstand
Er begleitete Allende
War viel Arbeit Tag und Nacht
Er sang : Nimm deines Bruders Hand
Es wird Schluss mit der Not gemacht

Seine Hände waren zärtlich
Seine Hände waren stark

An einem hellen Tag im September
schlug die Mörderjunta zu
Faschisten-Generäle überfielen das Land
und in Chile herrschte Friedhofsruh
Tausende in Kerkern,
auch Victor Jara war dabei
Sie verschleppten viele ins Stadion
zu Folter und Quälerei

Und nichts mehr war zärtlich
Nein nichts mehr war stark

Erschießungen am Morgen
Schüsse auch in der Nacht
Pinochets Folterschergen
Haben Victor Jara nicht stumm gemacht
Er sang dort für seine Genossen
Seine Stimme machte vielen Mut
Er zersang all ihre Ängste ?
Selbst angstvoll und doch voller Mut

Denn seine Stimme war zärtlich
Seine Stimme war stark

Die Faschisten zerbrachen seine Hände
trotzdem hat er Lieder gemacht
Da zerschlugen die Bestien sein Gesicht
Haben ihn langsam umgebracht
Victor Jara wurde ermordet
Doch seine Lieder sind nicht tot
Sie singen weiter von der Freiheit
helfen Chiles Volk in der Not

Denn seine Lieder sind lebendig
Seine Lieder sind stark

Und wir hören seine Stimme
singen von dem, was noch zählt
In dem Kampf um Chiles Freiheit :
Das ist unsre Solidarität
Diese Kraft ist zärtlich
Diese Kraft ist stark

Diese Kraft ist zärtlich
Ja diese Kraft ist stark

Unsere Kraft ist zärtlich
Ja die Wahrheit ist stark

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