Über die Liberalen und die Freiheit

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Heute bin ich auf facebook über einen Link zur Facebook-Seite der FDP gestolpert. Gegenstand des Links war ein Foto mit folgendem Text: „Was wir wollen?! Schnell fahren, rauchen, draußen Alkohol trinken, als Unternehmer Menschen Arbeit geben, Fleisch essen so viel und so oft wir wollen, Plastiktüten benutzen, Roller fahren, unterm Heizpilz sitzen, aufs Gymnasium gehen, weniger Steuern zahlen, günstigen Strom, Genforschung betreiben, unsere Versicherungen selbst aussuchen, selbst über persönliche Dinge bestimmen, heiraten, wen wir wollen, billig in den Urlaub fliegen und das alles niemandem vorschreiben, der es nicht will! – Kurzfassung für Twitter-Fans: #freiheit“.

Ich habe dieses Pamphlet dann kommentieren müssen, es schreit geradezu nach Widerspruch:

liebe fdp. ich sag’s mal so. das, was ihr da so alles aufzählt, das ist ja alles gut und schön. aber das fremdwort, das ihr benutzen müsst, um das, was ihr da so alles aufzählt, zu erklären, ist nicht „liberal“, sondern „egoistisch“. warum? weil ihr euch das recht rausnehmt, all das zu tun, was euch so richtig spaß macht. und weil es euch einen scheißdreck interessiert, auf wessen kosten ihr das tut. hauptsache, euch geht es dabei gut. sezieren wir doch mal ein bißchen das geschwurbel in dem schicken kästchen: 

schnell fahren: geht bei den verhältnissen auf deutschlands straßen nicht, ohne dabei andere zu gefährden. also: entweder gefahr laufen, jemanden über den haufen zu fahren – was behandlungskosten, bestattungskosten und trauernde angehörige nach sich zieht oder neue straßen bauen, auf denen man dann auch wieder schnell fahren kann, zieht umweltschäden nach sich, kostet einen haufen geld, obwohl viele andere sachen, die viel wichtiger und nützlicher sind, damit finanziert werden könnten und führt letztlich wiederum zu -> behandlungskosten, bestattungskosten und trauernden angehörigen.

rauchen: daheim, im stillen kämmerlein, da stört es ja keinen, oder? doch, es stört die solidargemeinschaft, weil die kosten für die behandlung von lungen- und anderem krebs viele, viele milliarden kosten, von denen dann wieder -> viele andere sachen, die viel wichtiger und nützlicher sind, damit finanziert werden könnten und außerdem führt rauchen letztendlich zu -> behandlungskosten, bestattungskosten und trauernden angehörigen.

draußen alkohol trinken: ist wie drinnen alkohol trinken und von den folgekosten können wiederum -> viele andere sachen, die viel wichtiger und nützlicher sind, damit finanziert werden und außerdem führt es langfristig bei entsprechend exzessiver wahrnehmung dieser freiheit zu -> behandlungskosten, bestattungskosten und trauernden angehörigen.

als unternehmer menschen arbeit geben: ist eine gute idee, impliziert aber auch, den menschen die arbeit wieder weg zu nehmen, wenn man nicht mehr genügend umsatz macht oder weil man die kontrolle über seine firma aufgrund exzessiven gebrauchs von -> draußen alkohol trinken verloren hat, was dann möglicherweise zu selbstmordversuchen führt, die dann wiederum zu -> behandlungskosten, bestattungskosten und trauernden angehörigen führen und außerdem kann es ja sein, dass die firma „systemrelevant“ ist, weshalb man einen rettungsschirm aufspannen muss, der dann wiederum einen haufen geld kostet, obwohl ->viele andere sachen, die viel wichtiger und nützlicher sind, damit finanziert werden könnten.

fleisch essen, soviel und so oft wir wollen: gut, ich will’s nicht, aber klar, jeder sollte die freiheit haben, fleisch zu essen soviel und so oft er will. das führt natürlich zu hohen belastungen für die umwelt, denn für die vielen tiere, von denen das fleisch kommt, müssen monokulturell futtermittel angebaut werden, was dann wiederum dazu fehlt, dass in armen ländern nicht genügend nahrungsmittel zur verfügung stehen, weil man die anbaufläche ja für das futter für die schweine, rinder und was auch immer benötigt, die „in deutschen landen frisch auf den tisch“ kommen. das führt dann wiederum zu hohen kosten, von denen man -> viele andere sachen, die viel wichtiger und nützlicher sind, finanzieren könnte. außerdem führt exzessiver fleischgenuss zu zivilisations- und wohlstandskrankheiten wie herzinfarkt und schlaganfall, was neben hohen kosten, von denen man -> viele andere sachen bezahlen könnte, die viel wichtiger und nützlicher sind und außerdem zu -> behandlungskosten, bestattungskosten und trauernden angehörigen.

plastiktüten benutzen: klar, spätestens seit plastic planet weiß nun wirklich jedes kind, dass wir unseren planeten früher oder später mit plastik ersticken, dass unsere meere umkippen, dass tiere im wasser grausam verrecken, weil unser plastikmüll, also auch unsere plastiktüten irgendwo im meer illegal verklappt wird, weil das viel billiger ist als es so zu entsorgen, wie es gehört und selbst das wäre viel zu teuer, weil die entsorgungs- bzw recyclingkosten viel teurer sind, als die produktionskosten für den ganzen dreck, aber macht ja nix, ist ja weit weg. deshalb kommen diese kosten, -> von denen man viele andere sachen, die viel wichtiger und nützlicher sind, finanzieren könnte, erstmal auf die staaten zu, denen wir unseren dreck vor die haustür kippen, aber früher oder später kommen sie dann wieder zu uns zurück. aber macht ja nix. hauptsache, wir hatten unsern spaß!

unterm heizpilz sitzen: ja, das ist natürlich ganz was feines, denn wie wir ja wissen, geht unsere atmosphäre eh zugrunde, weil kühe rülpsen und nicht etwa, weil wir tonnen von dreck in den himmel pusten, treibgase wie blöd in der gegend rumsprühen und vor allem nicht, weil wir unbedingt mitte dezember nachts um zwei unterm heizpilz unsern glühwein saufen müssen. nein, davon nicht. das verursacht demnach auch auf keinen fall kosten, -> mit denen man viele andere sachen, die viel wichtiger und sinnvoller sind, finanzieren könnte. nur der glühwein, der könnte auf dauer vielleicht zu leberschäden führen, und die werfen natürlich probleme auf, denn daraus entstehen natürlich -> behandlungskosten, bestattungskosten und trauernde angehörige.

weniger steuern zahlen: ja, das ist natürlich gar kein problem. und wenn dann das geld ausgeht, macht ja nix, wir haben ja den sozialetat, da wird eh viel zu viel geld an sozialschmarotzer und taugenichtse verschwendet, die den ganzen tag nur altrömisch-dekadent in der sozialen hängematte liegen. da kürzen wir einfach den hartz-IV-satz, dann passt’s schon wieder. ok, ok, das führt natürlich dazu, dass viele menschen aus angst, als hartz-IV-empfänger irgendwann nicht mehr zu wissen, wovon man morgen leben soll, zu höheren selbstmordraten und die wiederum führen zu ->behandlungskosten, bstattungskosten und trauernden angehörigen.

und so weiter und so weiter. ach ja, eines noch, liebe fdp: freiheit ist nicht, das zu tun, was man will, sondern nicht das tun zu müssen, was man soll. sagte jean-jaques rousseau. aber vor allem endet die freiheit dort, wo sie anderen die freiheit nimmt. dort, wo sie auf kosten anderer stattfindet. auf kosten ärmerer, auf kosten von denen, die keine lobbby haben, auf kosten der länder der „dritten welt“, aber auch auf kosten der nachkommenden generationen. das, was ihr da postuliert, das ist freiheit, wie sie in den achtzigern von „markus“, einem fünftklassigen provinz“sänger“, der heute bei keiner casting-show mehr zum recall eingeladen würde, gefordert wurde: ich geb gas, ich will spaß. koste es, was es wolle. das, was ihr da fordert, ist die logische fortentwicklung dessen, was euer genialer vordenker guido westerwelle einst entwickelt hat: die freiheit, auf niemanden rücksicht zu nehmen.

Ergänzung: wer das Original des FDP-Pamphlets gerne mal anschauen will – hier ist der Link dorthin: http://www.facebook.com/photo.php?fbid=537062356357665&set=a.289420647788505.73937.289358801128023&type=1&ref=nf

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